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Katastrophe im Osten

 

Mit der Idee des Nationalstaates entstand im 19. Jahrhundert auch die Vorstellung, Gebiete mit heterogener Bevölkerungsstruktur durch Umsiedlung national homogen zu machen. Die Völker des alten Europa begannen, die eigene Identität zu hinterfragen und die "Nation" sollte diese künftig stiften: So sollten nach dem Muster Frankreichs die Deutschen Deutschland und die Italiener Italien einen. Die neuen Nationalstaaten sollten dabei so homogen wie möglich, aber eben auch so groß wie möglich werden. In europäischen Grenzregionen führte dieser imperiale Anspruch schon früh zu Konflikten: Gehörte das deutsch-dänische Schleswig nun zu Dänemark oder zu Deutschland? – In Mittel- und Osteuropa wurde der Konflikt dann noch unübersichtlicher: War Czernowitz eine polnische, eine ukrainische, eine russische oder eine deutsche Großstadt? Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der frühliberale Historiker Heinrich Luden (1778–1847) vermutlich erstmals denPlan entworfen, Gebiete durch Vertreibungen zu "bereinigen", wodurch Grenzziehungen klarer und eindeutiger würden. Welches Schicksal mit einem Verlust der angestammten Heimat verbunden war, wurde im brutaler werdenden Klima des Nationalismus nur dann hinterfragt, wenn es um die eigenen Volksangehörigen ging. Friedlich nebeneinander lebende Nachbarn wurden plötzlich aufgrund verschiedener Volkszugehörigkeit zu erbitterten Feinden.

Nach dem Ersten Weltkrieg entbrannte in einem der unübersichtlichen Grenzgebiete (Süd-) Osteuropas ein blutiger, lang andauernder Konflikt. Griechen und Türken konnten sich nicht einigen, wo ihre künftige Grenze zu verlaufen hatte. Nach mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen ohne klaren Sieger führten zwischenstaatliche Verhandlungen auf Anregung des 1920 gegründetenVölkerbundes – einer Vorgängerorganisation der heutigen Vereinten Nationen – im Juli 1923 zum Abschluss des Vertrages von Lausanne. Dieser legte den Austausch der Minderheiten jenseits derprovisorischen Grenze fest und in der Folge wurden Türken aus Griechenland in die Türkei und Griechen aus der Türkei nach Griechenland umgesiedelt. Dass nach einigen Kriegsjahren ein solcher Bevölkerungsaustausch nicht so emotionslos und sachlich vonstatten ging, wie auf dem Papier geplant, belegte das brennende Smyrna, auf dessen Ruinen heute das türkische Izmir steht. Die im Ergebnis viel homogenere Bevölkerungsstruktur in beiden Ländern wurde in Europa allerdings begrüßt, vor allem dort, wo immer noch Streitigkeiten um Gebietszugehörigkeiten ausgetragen wurden, also insbesondere in mittel- und osteuropäischen Grenzräumen.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wurde nicht zuletzt dadurch geprägt, dass unerfüllt gebliebene oder verletzte Nationalismen miteinander konkurrierten. So kursierten in Europa waghalsige Ideen von nationaler Expansion: In Ungarn träumte man von einem magyarischen Großreich, im mittlerweile faschistischen Italien von einem irredentistischen Neu-Rom, im wiederbegründeten Polen von einem Großpolen von der Oder bis zum Schwarzen Meer und Mitte der 1930er Jahre strebte das nationalsozialistische Deutschland danach, ein Großdeutschland mit Deutschen aus ganz Europa zu errichten. Insbesondere Deutsche lebten seit Jahrhunderten in zahlreichen Streusiedlungen außerhalb Deutschlands inmitten mittel- und osteuropäischer Völker. Dies lag zum Teil daran, dass sie in der Habsburger Monarchie als treu ergebene Grenzmarkbewohner geschätzt wurden. Zum anderen waren sie als Kolonisten von fremden Herrschern zu einer Zeit ins Land geholt worden, als nationale Zugehörigkeit weniger wichtig war als allgemein unterstellte Eigenschaften wie Einsatzbereitschaft, Fleiß und Treue. Deshalb fanden sich viele Deutsche im polnischen Sprachraum, in den baltischen Staaten, in Rumänien und Bulgarien und insbesondere in den Weiten Russlands.

Das nationalsozialistische Deutschland begann 1938, mit einer aggressiven und expansiven Außenpolitik angrenzende geschlossene deutsche Siedlungsgebiete mit Deutschland zu vereinen. So wurden die Republik Österreich und die nach dem Ersten Weltkrieg als "Sudetenland" bezeichneten Grenzregionen der Tschechoslowakei annektiert. Diese "Anschlüsse" wurden von den Großmächten Europas zwar mit Argwohn beobachtet, aber im Endeffekt doch geduldet. Als Hitler allerdings auch noch die verbliebene "Rest-Tschechei" in einem euphemistisch als Schutzgebiet ("Protektorat") bezeichneten Gebilde unterwarf, stand ein neuerlicher Krieg bevor, der einen Ursprung in genau diesen nationalistischen Bereinigungstendenzen finden sollte und der bald darauf von deutscher Seite gegen Polen begonnen wurde. Nach dem Sieg über Polen im Herbst 1939 war es dann das nationalsozialistische Deutschland, welches die ersten massiven Bevölkerungsverschiebungen im mittel- und osteuropäischen Raum vollzog. Laut dem Abkommen zwischen NS-Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion zur Aufteilung Polens vom August 1939 ("Hitler-Stalin-Pakt") sollten die deutschen Minderheiten im aus bislang polnischen Gebieten neu geschaffenen "Warthegau" angesiedelt werden. Tausende Baltendeutsche, Ukrainedeutsche und Bessarabiendeutsche wurden, teilweise auch gegen ihren Willen, dorthin geschickt, wo das nationalsozialistische Deutschland zuvor polnische Bürger zwangsenteignet und ins benachbarte neue "Generalgouvernement" vertrieben hatte. Die für den mitteleuropäischen Raum typischen Mischsiedlungen sollten so im deutschen Sinn national homogenisiert werden.

Nachdem sich der Zweite Weltkrieg immer mehr zu Ungunsten Deutschlands entwickelte, wurde die Idee der nationalen Homogenisierung zu einem Bumerang für die deutschen Bewohner Mittel-und Osteuropas. Die spätestens seit Beginn der letzten sowjetischen Großoffensive am 12. Januar1945 unaufhaltsam vorrückende Rote Armee entlud ihren aufgestauten Hass an der einheimischen deutschen Bevölkerung. Die Deutschen flohen vor den Truppen oder mussten Gewalttaten über sich ergehen lassen. Die Hauptalliierten der Anti-Hitler-Koalition – USA, Großbritannien und Sowjetunion – hatten zuvor auf ihren Kriegskonferenzen in Teheran (Herbst 1943) und Jalta (Frühjahr1945) daran erinnert, dass nach dem Ersten Weltkrieg bereits einmal ein Bevölkerungsaustausch zur anhaltenden Befriedung eines umstrittenen Grenzraumes geführt hatte. Nach dem Beispiel des griechisch-türkischen Konflikts sollten nun deutsche Bevölkerungsteile geordnet in westliche Reichsgebiete umgesiedelt werden. Ostpreußen, Oberschlesien und Teile Hinterpommerns sollten an das neue Nachkriegspolen fallen. Über diese Strategie herrschte Einigkeit. Die Realität wurde dann eine andere.

Da die von Stalin eingesetzte, kommunistisch dominierte polnische Regierung ("Lubliner Komitee") Polen bis zur Oder und Lausitzer Neiße ausdehnen wollte und Stalin diesem Kriegsziel zustimmte, wurde die Vertreibung nicht auf die genannten Gebiete beschränkt, sondern auch in Niederschlesien, Pommern und Ost-Brandenburg durchgeführt. Zudem konnte von einer "ordnungsgemäßenund humanen Überführung", wie auf der letzten Konferenz der Staatschefs der Anti-Hitler-Koalition nach der deutschen Kapitulation in Potsdam (Sommer 1945) beschlossen, keine Rede sein. Etwa zweieinhalb Millionen Ostdeutsche kamen in der Endphase des Kriegsgeschehens oder bei anschließenden Gewalttaten um, Hunderttausende Frauen wurden vergewaltigt, Millionen Menschen wurden enteignet. Die Deutschen östlich von Oder und Lausitzer Neiße bekamen die Rache zu spüren, welcher die Wehrmacht mit ihrer brutalen Eroberungs- und Besatzungspolitik zuvor denWeg geebnet hatte. Sie versuchten nur noch ihr nacktes Leben zu retten und in die westlichen Gebiete des Reiches zu gelangen.

Doch auch im Westen Deutschlands herrschte nach Bomben- und Bodenkrieg große Not. Die Vertriebenen und Flüchtlinge wurden als zusätzliche Belastung empfunden. Die westdeutschen Städte waren großteils zerstört und die Bevölkerung musste in allen Bereichen des alltäglichen Lebens –z.B. hinsichtlich der Nahrungsquellen, der Arbeitsplatzsituation, des eigenen Wohnraums – gravierende Einschnitte hinnehmen. Entsprechend distanziert war der Empfang der Flüchtlinge. Da anfangs allgemein davon ausgegangen wurde, dass die Vertriebenen nur vorübergehend untergebracht werden müssten und bald wieder zurückkehren würden, konnten sich Einheimische und Ankömmlinge notdürftig arrangieren. Erst als die Vertriebenen längerfristig blieben, schlug dies häufig in offene Ablehnung um. Diese Feindseligkeit führte zu einer weitgehenden Ausgrenzung, die erst mit dem Wirtschaftswunder flächendeckend abnahm.

Die Hauptankunftsgebiete der Vertriebenen waren zunächst die Sowjetische Besatzungszone, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern. Erst als im hochindustrialisierten Nordrhein-Westfalen der Arbeitsmarkt den Vertriebenen eine Chance zu neuer Existenzgründung bot, wanderten die weitaus mobileren Ostdeutschen in großer Zahl nach Nordrhein-Westfalen weiter, das mit etwa 2,63 Millionen aufgenommenen Vertriebenen zum nach absoluten Zahlen größten Aufnahmeland wurde.