Logo: Der Landesbeirat für Vertriebenen-, Flüchtlings-, und Spätaussiedlerfragen

Ein Stück Osten in Westfalen (Espelkamp)

 

Wohin mit einer riesigen Menschenmasse Vertriebener, die in den Wirren der Nachkriegszeit in die zerstörten Land- und Stadtkreise des Rheinlands und Westfalens strömten? – Das war die Ausgangsfrage, vor der die westlichen Alliierten nach Kriegsende standen, nachdem sie auf den Konferenzen der "Anti-Hitler-Koalition" in Jalta (Februar 1945) und Potsdam (Juli/August 1945) der von der Sowjetunion unter Stalin favorisierten "Westverschiebung" Polens zumindest nicht energisch genug entgegengetreten waren. Die britische Besatzungsmacht, die für das spätere Bundesland Nordrhein-Westfalen zuständig war, gab die Devise aus, man sollte die Vertriebenen möglichst nicht in ihren alten Dorfgemeinschaften versammeln, um eine schnelle Integration in die westdeutsche Gesellschaft zu ermöglichen. Bis 1947 galt immer noch die Endgültigkeit der "humanenUmsiedlung" als oberstes Prinzip der Alliierten. Dort, wo gewachsene Dorf- oder Stadtverbändegemeinschaftlich angesiedelt würden, wäre eine revisionistische Betätigung weitaus wahrscheinlicher, als dort, wo die Neuankömmlinge mit der ansässigen Bevölkerung gemischt würden.

Trotzdem blieb die Frage, wo man die Vertriebenen in einem Land unterbringen sollte, das durch Bombenkrieg, Besatzung und den weitgehenden Zusammenbruch des Behördenapparates wirtschaftlich und infrastrukturell am Boden lag. Die einheimische Bevölkerung selbst hatte enorme Schwierigkeiten mit Wohnraum und Versorgung, wie sollte erst eine geordnete Zuweisung der Vertriebenen erfolgen? Notdürftig wurden viele Möglichkeiten erwogen, wurde der Erfindungsreichtum der Beteiligten auf die Probe gestellt. In diesem Zusammenhang begann die Geschichte einer Vertriebenensiedlung namens Espelkamp, etwa 40 Kilometer südlich von Bielefeld.

Die Geschichte Espelkamps selbst begann bereits lange Zeit zuvor. 1229 erstmals urkundlich erwähnt, wurde Alt-Espelkamp 1910 selbständige Gemeinde. Das kleine Bauerndorf erlangte erstmals überregionale Bedeutung, als sich 1938 eine Munitionsanstalt – die "Muna" – in Espelkamp ansiedelte. Für die dörflichen Strukturen bedeutete dies eine Revolution: Das benötigte Land wurde von der Reichsregierung "in Anspruch genommen", aber nicht enteignet. So konnte die Frage der Entschädigung hinausgeschoben und die Eigentümer konnten auf einen guten Preis "nach dem Endsieg" vertröstet werden. Die entsprechende Verärgerung der ansässigen Bevölkerung war leicht zuverstehen. Ähnlich negativ war von ihr die während des Krieges vorgenommene Aufstellung von Unterbringungsbaracken für russische Kriegsgefangene eingeschätzt worden, welche die aus der "Muna" herausführenden Kanalisationsgräben ausheben mussten. "Klein-Moskau" wurde zu einem geflügelten Wort der Westfalen für die Baracken.

"Klein-Moskau" stand nach 1945 leer. Der Krieg war vorbei und die russischen Kriegsgefangenen waren wieder in der Heimat, soweit sie die völkerrechtswidrige Behandlung durch das NS-Regime überlebt hatten. So lag es in der allgemeinen Not nahe, die vorhandenen Baracken für die Ankömmlinge aus dem Osten zu nutzen. Sie, die sich in Espelkamp selbst als die "Kolonisten" bezeichneten, lebten nun vermehrt in "Klein-Moskau" und fanden diese Bezeichnung alles andere als gut. Erst langsam setzte sich der Begriff der "Kolonie" allgemein durch.

Die Kolonie begann zu wachsen. Sie hatte ihre praktischen Vorzüge und brachte die Schicksalsgefährten zusammen. Das kleine Bauerndorf Espelkamp, welches 1939 gerade einmal 1072 Seelen zählte, vergrößerte sich durch die ersten sich ansiedelnden Vertriebenen; im Jahre 1950 lebten bereits fast 3000 Menschen hier. Unter den Vertriebenen in Westfalen sprach es sich herum, dass es in Espelkamp die Möglichkeit gab, unter Schicksalsgefährten zu leben. Die Alternative war kurz nach dem Krieg für viele immer noch der freie Himmel oder ein Stall, nicht selten zwischen Rindern und anderen Nutztieren. So entwickelte sich aufgrund der Vielzahl der von den Menschenmassen aufgeworfenen Probleme eine gewisse Eigendynamik, welche von der oftmals ratlosen britischen Besatzungsmacht toleriert wurde. In den Zeiten höchster Not entstand die Idee, Vertriebene bewusst aus den umgebenden Kreisen dorthin zu verweisen: Wäre die gemeinschaftliche Ansiedlung von Vertriebenen, ohne dass sie zwangsläufig einen sozialen Unruheherd bilden könnten, vielleicht doch eine Alternative? – Aus dieser Notsituation entstand die "Idee Espelkamp" als Siedlungsgebiet der heimat- und perspektivlosen Vertriebenen und Flüchtlinge.

Institutionalisiert wurde diese "Idee Espelkamp" durch die Evangelische Kirche in Westfalen. Doch die Briten planten die Anlagen der "Muna" zunächst noch als Erholungslager für ihre Soldaten zu nutzen und gaben später einen Sprengungsbefehl der als Wegbereiter für die Aufrüstung der Nazis eingestuften "Muna" heraus. Im Jahre 1947 konzipierten der damalige Militärgouverneur von Nordrhein-Westfalen, Generalmajor W. H. A. Bishop, der evangelische Pfarrer Karl Pawlowski und der schwedische Pastor Birger Forell Espelkamp als Ansiedlungsraum für Vertriebene und begannen, den Plan in die Tat umzusetzen. Bishop versuchte, den Sprengungsbefehl rückgängig zu machen,und drängte die Kirche ihrerseits etwas dagegen zu unternehmen. Da jedoch das Geld zur Umsetzung der Idee fehlte, begannen 1947 die Sprengarbeiten. In Espelkamp musste etwas geschehen, und zwar schnell. Das Evangelische Hilfswerk unter der Leitung von Eugen Gerstenmeier nahm sich der Sache an und trat in Verhandlungen mit der Besatzungsverwaltung und der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Parallele Pläne, wie die Errichtung von Zweigniederlassungen für die Industrieunternehmen Krupp und Thyssen, wurden fallen gelassen. Die Idee, den Vertriebenen in einer kleinen Ortschaft eine gemeinschaftliche neue Heimat zu geben, nahm Gestalt an.

Der frühere Memeler Landrat Walter Didlaukies wurde von Pastor Pawlowski und dem Evangelischen Hilfswerk beauftragt, für Espelkamp einen Siedlungsplan zu erstellen und herauszufinden, inwieweit die Umsetzung der Idee tatsächlich möglich war. Didlaukies erkundete die frühere Muna-Anlage, ignorierte die zahlreich aufkommenden Hindernisse und erstellte schließlich den ersten Besiedlungsplan für Espelkamp. Seine Ausarbeitung wurde zur Basis für die einsetzende Planung des nun hauptverantwortlichen Max Ilgner. Dieser schätzte die Zahl der Vertriebenen allein im Kreis Lübbecke auf rund 12.000 Personen und regte an, diese als erste Zielgruppe für die neue Heimat zugewinnen. Der Planungsstab wuchs und Espelkamp auch: 1950 lebten bereits 2.784 Personen in der neuen Kleinstadt.

Am 4. Oktober 1949 schloss die Evangelische Kirche in Deutschland und die westfälische Landeskirche mit dem Land Nordrhein-Westfalen einen Vertrag für die Aufbaugemeinschaft in Espelkamp.Darin hieß es:

Zweck der Gesellschaft ist es, die bisherige Wehrmachtsliegenschaft Espelkamp durchMaßnahmen des Wohnungs- und Siedlungswesens, durch Ansetzung von gewerblichen Unternehmen und Förderung sozialer und karitativer Anstalten zu einem gesunden, dem Allgemeinwohl dienenden Gemeinwesen zu machen, das den Flüchtlingen und Heimatvertriebenen eine neue Heimat bieten soll.

Land und Kirche waren jeweils zu 50 Prozent an der neuen Gesellschaft beteiligt und steuerten insgesamt 100.000 DM bei. Die anstehenden Aufgaben waren groß: Es mussten Arbeitsplätze geschaffen werden, damit Siedler nach Espelkamp gelockt wurden, eine städtische Struktur wurde angestrebt und größeren Betrieben musste ein Engagement in Espelkamp schmackhaft gemacht werden.

Espelkamp wurde allen Schwierigkeiten zum Trotz ein Erfolgsmodell. Kleingewerbetreibende und Geschäftsleute standen Schlange, um in Espelkamp tätig werden zu können. Das einsetzende Wirtschaftswunder wurde in Westfalen zu einem "Espelkamp-Wunder"; es führte dazu, dass Espelkamp bereits Ende der 1950er Jahre 40 Prozent Pendlern aus der näheren und weiteren Umgebung Arbeitsplätze bieten konnte. Ein Jahr nach Gründung der Aufbaugemeinschaft arbeiteten schon dreizehn größere Herstellungsbetriebe in der Stadt. Es gab eine rege Bautätigkeit und der Zuzug von Vertriebenen hielt an. 1961 hatte Espelkamp bereits 10.454 Einwohner – zehnmal mehr als zwei Jahrzehnte zuvor. Bis 1975 hat sich die Zahl der Einwohnerschaft noch einmal auf über 22.000 mehr als verdoppelt.