Logo: Der Landesbeirat für Vertriebenen-, Flüchtlings-, und Spätaussiedlerfragen

Integration trotz Rückkehrwillen(1953 - 1969)

 

Zum ersten Vorsitzenden des Landesvertriebenenbeirates nach der "Ära Salat" wurde am 22. September 1953 der bisherige Vorsitzende des Rechtsausschusses Julius Doms gewählt. Der neueVorsitzende hatte schwierige Verhandlungen zu bewältigen, um die strukturellen Voraussetzungen erfolgreicher Vertriebenenarbeit auf Landesebene zu erhalten. Mehrere Entscheidungen der Landesregierung unter Ministerpräsident Karl Arnold in diesem Jahr waren nicht im Sinne des Landesbeirates. Zunächst wurde am 16. Juni 1953 die Zuständigkeit des Sozialministeriums, und nicht wie gefordert die eines neu einzurichtenden Vertriebenenministeriums, als zentrale Stelle für Vertriebenenangelegenheiten festgeschrieben. Das Sozialministerium wurde zudem mit dem Arbeitsministerium und dem Ministerium für Wiederaufbau zusammengelegt. Die Befürchtung, dass die Belange der Vertriebenen in dem neuen Ressort vernachlässigt werden könnten, ging einher mit der Sorge um die eigene Unabhängigkeit. Anlass dafür war eine Verordnung der Landesregierung, welche den neuen Minister zusätzlich zum Beiratsvorsitzenden machen sollte. Julius Doms protestierte scharf dagegen und konnte schließlich verhindern, zugunsten des neuen Ministers – das Amt übernahm der bisherige Wiederaufbauminister Otto Schmidt (CDU) – abgesetzt zu werden. Hierbei half ihm, dass Schmidt selbst darauf Wert legte, die Selbständigkeit des Beirates zu erhalten und auch Arnold letztlich nicht auf der ursprünglichen Verordnung beharrte. So konnte Wilhelm Matzel, der schon nach einem Jahr auf Julius Doms folgte, weiterhin einen selbständigen Beirat führen – und er tat dies mit großem Erfolg.

Der Ruf nach einer eigenen Vertretung im Landeskabinett sollte jedoch von keiner Landesregierung gehört werden. Kernaufgabe der folgenden Jahre blieb für den Landesbeirat neben den nun verstärkt aufkommenden Themenkomplexen DDR-Flüchtlinge/Gesamtdeutschland sowie Ostkunde/Kulturarbeit der Vertrieben die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation der betroffenen Bevölkerungsgruppen. Im Hinblick auf die regionale Verteilung der Vertriebenen und Flüchtlinge hatte sich jedoch die Ausgangslage grundlegend verändert. Erfolgte die Ansiedlung in den ersten Nachkriegsjahren noch vorwiegend in Ostwestfalen, führten die Umsiedlungsmaßnahmen der frühen 1950er Jahre und die Wanderungsbewegungen im Zuge des Wirtschaftswunders zu einer weitgehend gleichmäßigen Verteilung im Lande. Die Vertriebenenpolitik musste nun verstärkt Nordrhein-Westfalen in seiner Gesamtheit in den Blick nehmen.

Wirtschaftliche Situation

Die materiellen Lebensumstände der Vertriebenen verbesserten sich zwar im Laufe der 1950er Jahre, als sich der Konjunkturaufschwung des Wirtschaftswunders nach und nach auch auf sie auswirkte. Eine vollständige Angleichung an die Lebensverhältnisse der einheimischen Bevölkerung konnte jedoch nicht erreicht werden. Der Wirtschafts- und der Sozialausschuss, aber auch der Geschäftsführende Ausschuss und das Plenum beschäftigten sich daher immer wieder mit der wirtschaftlichen und sozialen Not unter den Flüchtlingen und Vertriebenen.

An erster Stelle stand dabei nach wie vor die Wohnraumbeschaffung. Ministerpräsident Arnold erklärte 1954, dass die wohnungsmäßige Unterbringung noch immer das wichtigste Problem der Vertriebenen und Flüchtlinge sei. Immer noch waren 85.000 Vertriebene in Notunterkünften wie Sälen, Turnhallen, ehemaligen Schulen, Fabrikräumen oder Jugendheimen untergebracht. Der Wohnungsausschuss des Beirates nahm sich dieses Problems an. Er bemühte sich ständig um öffentliche Wohnungsbauhilfen für Flüchtlinge und Vertriebene sowie die Eindämmung der häufig kritisierten Zweckentfremdung dieser Mittel. Einschlägige Gesetzeswerke, deren Novellen und Durchführungsverordnungen standen jahrelang auf der Tagesordnung des Ausschusses, so etwa das Wohnungsbewirtschaftungsgesetz oder das Bundesmietengesetz. Insbesondere das Zweit eBundeswohnungsbaugesetz vom 1. Juli 1956 sorgte dabei für Kontroversen. Auf der einen Seite brachte es Vorteile, wie das Bundesvertriebenenministerium dem Landesbeirat mitteilte:

Das Zweite Wohnungsbaugesetz schreibt vor, dass im Rahmen des allgemeinen Wohnungsbaues die Wohnraumbewirtschaftung Vertriebener […] bevorzugt zu berücksichtigen ist. […] Im Bewilligungsverfahren ist bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Bauherren den besonderen Verhältnissen der Vertriebenen, Sowjetzonenflüchtlingen und Kriegssachgeschädigten Rechnung zu tragen.

Auf der anderen Seite beinhaltete das Gesetz die Regelung, dass sich jeder Bauherr seine Mieter selbst auswählen konnte, was sich vor allem zu Lasten der noch in Notunterkünften untergebrachten, materiell benachteiligten Flüchtlinge auswirkte. Die Landesregierung reagierte angesichts der fortgesetzten Eingaben des Landesbeirates schließlich mit einer neuen Förderungsmöglichkeit für Bauherren: Wer sieben Flüchtlingswohnungen baute, konnte Landesmittel für drei weitere Wohnungen mit freier Mieterwahl und eine Wohnung zum Eigenbedarf bekommen.

Als der spätere Beiratsvorsitzende Walter Nowoczin 1958 den Wohnungsausschuss übernahm, war hinsichtlich der Wohnraumsituation bei den "Altvertriebenen" eine gewisse Entspannung eingetreten. Als sich nach dem Berliner Mauerbau im August 1961 auch der Flüchtlingsstrom aus der DDR stark verringerte, sah die Bundesregierung die Zeit für eine weitere Liberalisierung im Wohnungswesen gekommen. Das entsprechende Gesetzeswerk des Bundesministers für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordung, Paul Lücke (CDU), von 1963 ("Lückeplan") unterteilte dasBundesgebiet in schwarze und weiße Kreise. Nur noch für die sogenannten "schwarzen Kreise" – einige wenige Großstädte, in denen ein rechnerisches Wohnungsdefizit über 3 Prozent vorlag – sollte es demnach die bis dahin flächendeckend praktizierte staatliche Bewirtschaftung von Altwohnraum geben. Im Rest der Republik fiel diese und damit auch die Mietpreisbindung für Altwohnungen weg. Angesichts der Tatsache, dass Vertriebene und DDR-Flüchtlinge bei den Mietern über- und den Eigentümern unterrepräsentiert waren, protestierte der Landesbeirat gegen den "Lückeplan", da man ungerechtfertigte Kündigungen und Mieterhöhungen befürchtete.

Nach Inkrafttreten des Gesetzes wurde mit Erfolg versucht, die Folgen abzumildern. Walter Nowoczin konnte im Geschäftsführenden Ausschuss über ein Gespräch mit dem zuständigen Landesminister Joseph Paul Franken (CDU) berichten, in dem dieser zugesagt hatte dafür zu sorgen, dass sowohl in den weißen als auch in den schwarzen Kreisen weitergebaut werden dürfe. Im gleichen Gespräch wurde ein in den 1960er Jahren stärker aufkommendes Problem besprochen, nämlich die Frage nach altengerechten Unterkünften für die Vertriebenen. Solche Detailfragen, wie etwa auch die Bindung der Wohnung an den Arbeitsplatz oder die Miethöhe, rückten mit dem allmählichen Rückgang der Wohnungsnot immer mehr in das Blickfeld des Wohnungsausschusses.

Dort, wo die Grundbedürfnisse – wie das nach einer angemessenen Bleibe – befriedigt waren, wuchs das Bewusstsein für die allgemeine eigene Situation, auch und insbesondere im Vergleich zu den Alteingesessenen. Für viele Ostdeutsche war die Vertreibung nicht nur mit dem Verlust derHeimat, sondern auch des bisherigen sozialen Status verbunden. Der Beiratsvorsitzende Wilhelm Matzel wies 1960 darauf hin, dass bei allen Fortschritten immer noch Hunderttausende keine ihrer früheren Stellung entsprechende Arbeit gefunden hätten. Besonders groß war dieses Phänomen nach wie vor im Bereich der Landwirtschaft. Auch der allgemeine Aufschwung konnte den vertriebenen Bauern nicht entscheidend weiterhelfen, denn es blieb das Problem der Landbeschaffung. Zudem begünstigten hiesige Behörden häufig die einheimischen Bauern, etwa wenn diese bei der Errichtung von Militäranlagen der Besatzungsmächte auf ihrem Grund und Boden vorrangig mit neuem Land entschädigt wurden. Als eine Ironie der Geschichte mag gelten, dass es vertriebenen Bauern in der DDR, wo ansonsten die Vertreibung als "Umsiedlung" beschönigt und nicht als Unrecht anerkannt wurde, auf den ersten Blick vielfach besser ging als in Westdeutschland. Während mittels der dortigen Bodenreform der Großgrundbesitz enteignet wurde und dadurch auch für vertriebene Bauern ein kleines Stück Land frei gemacht wurde, kamen in der Marktwirtschaft des Westens häufig kapitalkräftige Personen aus Industrie und Handel beim Ankauf von Grundstücken den Vertriebenen zuvor. Gegenüber den Vertriebenen aus der Landwirtschaft bestand somit eingewisses Glaubwürdigkeitsproblem.

Dass diese Benachteiligung von Seiten des Landes Nordrhein-Westfalen durchaus erkannt wurde, zeigen verschiedene Projekte zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Situation, die fast immer der Initiative des Beirates entsprangen. Dabei ging es zum einen um Landgewinnung, etwa durch Kultivierung von Ödländereien oder Besiedlung von Waldflächen, zum anderen um Unterstützung vertriebener Landwirte beim Ankauf von Flächen, insbesondere durch Existenzaufbaukredite. Im April 1958 teilte die Landesregierung mit, dass Nordrhein-Westfalen bei Leistungen für ländliche Siedlungen an erster Stelle in der Bundesrepublik lag. Neben der landwirtschaftlichen Siedlung oder der Wohnraumbeschaffung gab es weitere Bereiche, in denen Maßnahmen zur wirtschaftlichen Unterstützung der Flüchtlinge und Vertriebenen ergriffen wurden, so etwa im staatlichen Kreditwesen. Die Darlehensmöglichkeiten, welche Bund und Land den Vertriebenen boten, waren vielfältig. So gab es für diese Gruppe unter anderem Existenzgründungskredite, Arbeitsplatzdarlehen, Betriebsmittelkredite sowie Mittelstandskredite.

Der Landesbeirat verfolgte eine möglichst umfangreiche Inanspruchnahme von Vertriebenendarlehen ebenso kontinuierlich wie die Durchsetzung von Verbesserungen zugunsten der eigenen Klientel, etwa durch Verlängerung von Laufzeiten, Verringerung von Zinssätzen oder Anhebung von Darlehenssummen. Dabei war die Beteiligung des Landesbeirates an öffentlichen Körperschaften, Ausschüssen sowie Prüfstellen von Vergabegremien, die sich des Themas annahmen, von Vorteil. Die Unübersichtlichkeit der einzelnen Konditionen machte den Landesbeirat und seinen Wirtschaftsausschuss bei diesem Thema zudem auch zu einem Beratungsgremium für die potentiellen und tatsächlichen Kreditnehmer.

Neben dem Kreditwesen suchte der Beirat noch auf weiteren Gebieten Existenzgründungen bzw. -sicherungen zu unterstützen. So bemühte man sich um die Bevorzugung der Vertriebenen im öffentlichen Auftragswesen sowie in der Steuergesetzgebung. Hier konnte der Wirtschaftsausschuss gegen Ende der 1950er Jahre zwei Erfolge verzeichnen, um die man lange gerungen hatte: Im Januar 1958 wurde zunächst ein Landesgesetz zur Befreiung von der Grunderwerbssteuer für Vertriebene beschlossen. Wenig später erließ der Bundesminister der Finanzen zudem eine teilweise Befreiung der Vertriebenen von der Gewerbesteuer. Auch der Lastenausgleich stand in den1950er und in den 1960er Jahren auf der Tagesordnung des Landesbeirates. Vorsitzender Wilhelm Matzel zog 1957 eine durchaus kritische Bilanz jenes Gesetzeswerkes. Er bemängelte beispielsweise eine ungenügende Besetzung der Ausgleichsämter und damit zusammenhängend eine schleppende Auszahlung der Entschädigungszahlungen:

Es ist schmerzlich und beschämend zu wissen, dass jährlich Zehntausende alter Vertriebener oft in bitterer Not dahinsterben, ohne überhaupt einen Pfennig der Hauptentschädigung erhalten zu haben. Eine Auszahlung an die Erben bedeutet dann nur noch die formale Wahrung des Rechts; die Gerechtigkeit aber kommt bei diesen armen Menschen zu spät.

Nicht zuletzt diesen drastischen Worten mag es zu verdanken gewesen sein, dass sich in den Folgejahren Verbesserungen einstellten, die etwa dazu führten, dass nach Nordrhein-Westfalen bis 1964 immerhin 13 Milliarden DM an Lastenausgleichzahlungen flossen, von denen über die Hälfte denVertriebenen zugute kamen.

Den diversen hier skizzierten wirtschaftlichen Erfolgen zum Trotz konnte es auch in der "ÄraMatzel" nicht gelingen, die enormen Nachteile derjenigen, die ihr Hab und Gut im Osten verloren hatten, vollständig auszugleichen. Der Wirtschaftsausschuss stellte Ende 1966 zwar fest, dass die Eingliederungsergebnisse von Jahr zu Jahr besser wurden, veröffentlichte aber zudem eine ernüchternde Statistik: Demnach betrug der Anteil der Vertriebenen und Flüchtlinge an der Gesamtbevölkerung Nordrhein-Westfalens 23,8%, ihr Anteil am Wirtschaftsleben betrug jedoch in keiner Branche über 10%.

DDR-Flüchtlinge/Gesamtdeutschland

Das Schaffen des 1967 verstorbenen Wilhelm Matzel ist vor allem vor dem Hintergrund der sich ständig erweiternden "Zielgruppe" des Landesbeirates als enorme Leistung anzusehen. Zusätzlichzu den Ostvertriebenen kamen bis zum Mauerbau 1961 parallel immer mehr Menschen aus der DDR im Westen an, die sich der sowjetischen Besatzungsmacht entziehen wollten bzw. mit den dortigen politischen oder wirtschaftlichen Gegebenheiten in Konflikt geraten waren. Die Bundesrepublik mit ihrem Anspruch als die "bessere" Alternative in Deutschland war gegenüber diesen Neuankömmlingen in besonderer Verantwortung.

In Nordrhein-Westfalen war es der Landesbeirat, der sich sowohl um die Altvertriebenen als auch um die Gruppe der DDR-Flüchtlinge kümmerte. Zunächst geschah das in den bereits bestehenden Ausschüssen, doch der beständige Zustrom neuer Flüchtlinge ließ die Bedeutung des Themas immer mehr anwachsen. 1955, als bereits rund 800.000 DDR-Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalenaufgenommen worden waren, richtete man daher einen eigenen Unterausschuss ein. Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Altvertriebenen, die diese teilweise schon bewältigt hatten, waren auch diesen Flüchtlingen zu eigen. Im Landesbeirat konnte man also auf Erfahrungen zurückgreifen, die man insbesondere in den ersten kritischen Jahren nach der Vertreibung gemacht hatte, etwa wenn es um Wohnungsnot oder Aufbaudarlehen ging. Wenn der Beirat hier auch einige Maßnahmen zugunsten der DDR-Flüchtlinge, z. B. Sonderwohnungsbauprogramme der Landesregierung, durchsetzen konnte, so warf doch die kontinuierliche Fluchtbewegung aus der DDR eine kritische Frage auf. Zwischen der politischen Zielsetzung, möglichst jeden, der dem totalitären System den Rücken kehrte, mit offenen Armen aufzunehmen und der organisatorischen Aufnahmefähigkeit in Westdeutschland klaffte eine immer größere Lücke. Das Aufnahmeverfahren war dementsprechend ein stets kontroverser Punkt zwischen Landesbeirat und Regierung. In den Genuss eines sogenannten "C-Ausweises" konnte anfangs nur derjenige kommen, der eine Gefahr an Leib und Leben nachzuweisen vermochte. Diejenigen, die nicht als C-Flüchtlinge anerkannt wurden, galten lediglich als Zuwanderer, was mit großen materiellen und rechtlichen Nachteilen verbundenwar. Nach Meinung des Unterausschusses wurden deutlich zu wenige Anerkennungen ausgesprochen; er monierte, dass praktisch "ein Haftbefehl aus der Zone" nötig sei, um als Flüchtling anerkannt zu werden. Der Landesbeirat bemühte sich jahrelang um eine Verbreiterung des Personenkreises, der in den Genuss einer Anerkennung kommen konnte. Als Erfolg in dieser Hinsicht kann die dritte Novelle zum Bundesvertriebenengesetz im Sommer 1961 gelten, nach der es im neuen Paragraph 3 BVFG bezüglich der Anerkennung als C-Flüchtling hieß:

Eine besondere Zwangslage ist auch bei einem schweren Gewissenskonflikt gegeben. Wirtschaftliche Gründe sind als besondere Zwangslage anzuerkennen, wenn die Existenzgrundlage zerstört oder entscheidend beeinträchtigt worden ist oder wenn die Zerstörung oder entscheidende Beeinträchtigung nahe bevorstand.

Einen weiteren Fortschritt auf dem Wege zur Gleichberechtigung stellte das "Gesetz über Hilfsmaßnahmen für Deutsche aus der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands und dem sowjetischen Sektor von Berlin" aus dem Jahre 1965 dar, das unter anderem Beihilfen zum Lebensunterhalt sowie Gewährung von Existenzaufbaukrediten und Wohnungsbaudarlehen vorsah. Das BVFG war jetzt hinsichtlich einiger Vergünstigungen für alle Deutschen aus der DDR anwendbar. Nun galt es, auch den Lastenausgleich auf die DDR-Flüchtlinge auszuweiten, was 1968 durch die 21. Novelle zum Lastenausgleichgesetz bewerkstelligt wurde. Danach war es erstmals möglich, Leistungen der Hauptentschädigung auch für DDR-Flüchtlinge zu zahlen. Entsprechende Forderungen waren in den 1960er Jahren wiederholt in den Sitzungen des Lastenausgleichausschusses laut geworden.

Mit diesen Fortschritten entspannten sich die drängenden sozialen Notlagen. Nun rückte ein mit den DDR-Flüchtlingen eng zusammenhängendes Thema in den Vordergrund der Beiratsarbeit – die Frage nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Da die kurzfristigen politischen Umstände von der Landespolitik kaum zu beeinflussen waren, sah der Beirat seine diesbezügliche Aufgabe insbesondere in der Pflege des gesamtdeutschen Bewusstseins. Wilhelm Matzel wies auf einer Tagung des Geschäftsführenden Ausschusses 1963 in diesem Zusammenhang auf die Broschüre "DeutscheFragen – kommentiert" hin, die auf Anregung des Landesbeirates entstanden war. Mitte der 1960erJahre spaltete sich für diese Thematik mit dem Gesamtdeutschen Ausschuss ein eigenes Gremium vom Kulturausschuss ab. Die Notwendigkeit, diesen Schwerpunkt zu bilden, hatte sich in den Diskussionen im alten Kulturausschuss herauskristallisiert. Wiederholt wurden dort schwindendes Geschichtsbewusstsein und die zunehmend fehlende Bereitschaft beklagt, für die deutsche Einheit einzutreten. Gegensteuern sollten die "Gesamtdeutschen Wochen", die das Arbeits- und Sozialministerium des Landes in den 1960er Jahren mehrfach veranstaltete.

Ziele der Gesamtdeutschen Wochen

  • ein möglichst umfassendes Bild über die Verhältnisse im mittel- und ostdeutschen Raum zu vermitteln, und zwar sowohl in Bezug auf die geschichtliche und kulturelle Vergangenheit wie auf die derzeitige politische Situation
  • die gemeinsame deutsche Kultur und Geschichte zu pflegen und der ganzen Bevölkerung bewusst zu machen als Voraussetzung für die Verantwortung des Einzelnen zur Lebensfrage unseres Volkes
  • das gesamtdeutsche Bewusstsein, besonders unter den jungen Deutschen, die die gemeinsame Vergangenheit nicht erlebt haben und die die Wiedervereinigung im europäischen Rahmen vorbereiten sollen, zu wecken und zu stärken

Kulturarbeit der Vertriebenen

Die Gesamtdeutschen Wochen waren Teil der Kulturarbeit der Vertriebenen, deren gesetzliche Grundlage der Paragraph 96 des Bundesvertriebenengesetzes ist.

§ 96 Pflege des Kulturgutes der Vertriebenen und Flüchtlinge und Förderung der wissenschaftlichen Forschung

(1)Bund und Länder haben entsprechend ihrer durch das Grundgesetz gegebenen Zuständigkeit das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewusstsein der Vertriebenen und Flüchtlinge, des gesamten deutschen Volkes und des Auslandes zu erhalten, Archive, Museen und Bibliotheken zu sichern, zu ergänzen und auszuwerten sowie Einrichtungen des Kunstschaffens und der Ausbildung sicherzustellen und zu fördern.

(2)Sie haben Wissenschaft und Forschung bei der Erfüllung der Aufgaben, die sich aus der Vertreibung und der Eingliederung der Vertriebenen und Flüchtlinge ergeben, sowie die Weiterentwicklung der Kulturleistungen der Vertriebenen und Flüchtlinge zu fördern.

(3)Die Bundesregierung berichtet jährlich dem Bundestag über das von ihr Veranlasste.

Der Kulturausschuss des Landesbeirates setzte sich von Anfang an für Projekte ein, die halfen, das Kulturgut der Vertriebenen zu verbreiten und ihre Identität zu pflegen. Erste Schritte dieser Artwaren die auf ostdeutsche Städte ausgerichteten Patenschaften durch rheinische und westfälische Kommunen sowie die Errichtung der Ostdeutschen Bücherei in Herne. 1951 ordnete die Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen, Christine Teusch (CDU), Unterricht in Ostkunde für die Schulen im Lande an. Zum Missfallen der Vertriebenen wurde jedoch bereits 1956 über eine Streichung des entsprechenden Erlasses diskutiert und dieser letztlich nur "verwässert" fortgeführt. Mehr Erfolg hatte man mit dem ebenfalls 1951 in Dortmund eingerichteten Ostdeutschen Volkskundearchiv. Dieses wurde wenige Jahre später zur Ostdeutschen Forschungsstelle ausgebaut. Insgesamt konzentrierte sich die Kulturarbeit in den 1950er Jahren jedoch eher auf die nach innen gerichtete Kulturpflege, wie etwa auf die Veranstaltung von Heimatabenden.

Gegen Ende des Jahrzehntes häuften sich Stimmen, die Defizite bei der Kulturförderung nach außen – also Wissensmängel hinsichtlich der von Flucht und Vertreibung betroffenen Gebiete – beklagten. Nach einigen Arbeitstagungen des Kulturausschusses kam es daher zu einer Neuausrichtung. Diese wurde in einem Bericht über die wegweisende Arbeitstagung von 1960 vom Beirats-Geschäftsführer Friedrich Herbst wie folgt beschrieben:

Als Grundlage wurde nicht mehr allein genommen: die sich aus der besonderen seelischen und geistigen Not der Vertriebenen und Flüchtlinge ergebenden Notwendigkeiten, sondern der sich aus der Abtrennung der deutschen Ostgebiete ergebende geschichtliche Notstand des deutschen Volkes.

Zielgruppe der Kulturarbeit sollten nun nicht mehr nur die Vertriebenen sein, sondern das gesamte deutsche Volk. Die kontinuierliche Verbindung, die zwischen Ost und West bestand, sollte der westdeutschen Bevölkerung aufgezeigt und ihr Interesse für die Ostgebiete als Teil der einen deutschen Kultur geweckt werden. Die Forderung des Schulfaches Ostkunde und die Definition, was dieses beinhalten sollte, wurden daher immer mehr zum inhaltlichen Kern der Arbeit des Kulturausschusses. Als Ziel der Ostkunde legte dieser im Oktober 1961 die Verankerung Ost- und Mitteldeutschlands im Bewusstsein des westdeutschen Menschen, sowie die Schaffung eines gesamtdeutschen Geschichtsbewusstseins und Gemeinschaftsgefühls fest. Da man jedoch beobachten musste, dass in den Leitplänen und Prüfungsbestimmungen von Nordrhein-Westfalen der Ostkunde eher geringe Bedeutung beigemessen wurde, mahnten Vertreter des Beirates zum einen – wie etwa 1963 im Gespräch mit Kultusminister Paul Mikat (CDU) – ein Mindestwissen für jeden Schüler über die deutschen Ostgebiete an, das verbindlich festgelegt werden sollte, zum anderen hob man den sogenannten Schülerwettbewerb aus der Taufe, um in Kooperation mit den Schulen und Lehrern selbst vor Ort Interesse bei den Schülern für den Deutschen Osten zu wecken.

Das zentrale Projekt der Vertriebenen-Kulturarbeit in den 1960er Jahren war jedoch die Errichtung des Haus des Deutschen Ostens. Bereits zu Zeiten des Vorsitzenden Oskar Salat war die Idee eines heimat- und kulturpolitischen Zentrums für die Vertriebenen entstanden, das man in der Landeshauptstadt Düsseldorf errichten wollte. Konkret wurde das Projekt unter Sozialminister Konrad Grundmann (CDU), der als zentrale Figur die politischen Weichen für dieses Projekt stellte. Grundmann steht bis zum heutigen Tag in verantwortlicher Position für das inzwischen in Gerhart-Hauptmann-Haus umbenannte Zentrum ein. Das Landeskabinett gründete eine Stiftung Haus des Deutschen Ostens, die aus einem Kuratorium, deren Mitglieder sich unter anderem aus Vertretern der Landesregierung, des Landtages, der Kirchen, der Vertriebenenverbände und der Stadt Düsseldorf rekrutierten, sowie einem Vorstand bestand. Der Ostpreuße Erich Grimoni war der erste Vorsitzende der Stiftung, der Oberschlesier Walter Kroner gewann die Architektenausschreibung und erstellte den Vorentwurf. Gemeinsam mit einem Düsseldorfer Kollegen führte Kroner den Bau Anfang der sechziger Jahre aus. 1963 wurde das Haus des Deutschen Ostens im Beisein des Ministerpräsidenten Franz Meyers (CDU) feierlich eröffnet. Es dient seither sowohl der Begegnung der ostdeutschen Vereinigungen untereinander als auch dem Kontakt der Vertriebenen mit den Einheimischen. Zudem beherbergt die Bibliothek wertvolle historische Werke aller ostdeutschen Landschaften sowie diverse neuere Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, die den historischen deutschen Osten betreffen. Düsseldorf wurde sukzessive zu einem Zentrum für Vertriebenenarbeit in Deutschland und zu dem Zentrum hierfür in Nordrhein-Westfalen.

Vielleicht war es nicht zuletzt die Wirkung, die vom neuen Haus des Deutschen Ostens ausging, die Sozialminister Werner Figgen (SPD) 1968 zu der Aussage bewegte:

Unsere Maßnahmen und Bemühungen werden künftig darauf zu richten sein, […] die großen Zusammenhänge der geistes- und ideengeschichtlichen Bedeutung des deutschen Ostraumes in seiner Gesamtheit für das kulturelle und geistige Bewusstsein unseres Volkes herauszustellen.