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Deutsche in Russland (Geschichte der Russlanddeutschen)

 

Aufgrund der zahlenmäßigen Bedeutung der Aussiedlerinnen und Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion in jüngster Zeit erscheint ein Exkurs zu deren Geschichte als sinnvoll.

Deutsche Spuren im russischen Sprachraum lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen, also noch weit vor der planmäßigen Ansiedlung Deutscher im 18. Jahrhundert. In Nordrussland siedelten deutsche Händler seit dem 12./13. Jahrhundert in Nowgorod, welches ausgezeichnete Handelskontakte zu den Hansestädten des Ostseeraums unterhielt. Unter Iwan dem Schrecklichen wurden zwischen 1533 und 1584 vermehrt Fachleute aus Deutschland ins Land geholt – Handwerker, Baumeister, Ärzte, Offiziere, Verwaltungsspezialisten, die in Moskau in einer deutschen Vorstadt wohnten. Zar Peter der Große leitete dann den Prozess der Europäisierung Russlands in weiten Teilen des Landes ein. Durch ein Manifest aus dem Jahre 1702, welches Ausländer zum Aufbau des Landes rief, lockte er vor allem Deutsche zur Besetzung verantwortungsvoller Posten in die von ihm gegründete neue Hauptstadt St. Petersburg. Dieses blieb auch später ein Zentrum des Deutschtums in Russland. Noch 1881 besaß ein Drittel der Einwohner die deutsche Staatsangehörigkeit. Bei der Volkszählung 1905 waren 42.000 Einwohner in St. Petersburg Deutsche. In Moskau lebten zu dem Zeitpunkt 20.000 Deutsche, in Odessa etwa 12.000.

Die breite Hauptsiedlungsbewegung aber erfolgte erst unter der in Stettin geborenen Zarin Katharina der Großen. Das unter ihrer Regentschaft erworbene Territorium im Süden und Südosten des Landes war nur mäßig bewohnt und lag weitestgehend brach. Um es landwirtschaftlich nutzbar zumachen, erließ Katharina am 22. Juli 1763 ein Manifest, in dem sie Ausländer einlud, in diesen Gebieten zu siedeln. Vor allem Deutsche sollten sich dadurch angesprochen fühlen, denn die Einladung war in deutscher Sprache verfasst. Im Auftrag der Zarin verbreiteten Anwerber ihr Manifest besonders in den deutschen Fürstentümern. Der Anreiz für die Neusiedler war hoch. Katharina sicherte den deutschen Ankömmlingen sowohl Religionsfreiheit als auch die Befreiung vom Militärdienst zu. Dazu stellte sie den Deutschen eine Selbstverwaltung auf lokaler Ebene mit Deutsch alsAmtssprache in Aussicht und versicherte Steuerfreiheit. Der Grund und Boden wurde den Kolonisten als Gemeingut auf ewige Zeiten überlassen. Er durfte ohne Genehmigung weder verkauft noch abgetreten werden. Die Siedler durften aber zusätzliche Grundstücke von Privatpersonen kaufen. Dadurch angelockt wanderten von 1763 bis 1775 fast 30.000 Deutsche nach Russland aus. Die meisten stammten aus Hessen, dem Rheinland, der Pfalz, Württemberg und Baden, aus der Schweiz und dem Elsass. Da der erste Schwerpunkt der Aussiedlung tatsächlich die Gebiete Oberhessen und Hessen-Darmstadt waren, setzte sich dieser Dialekt bei den Neusiedlern durch. Aufgrund der hohen Attraktivität des Ansiedlungsangebots reagierten die deutschen Fürstentümer mit Auswanderungsverboten, um das eigene Land nicht allzu sehr ausbluten zu lassen. Die deutschen Neusiedler wurden zielgerichtet am Unterlauf der Wolga angesiedelt, wo an beiden Ufern des Stroms die ersten 104 deutschen Mutterkolonien entstanden.

Eine weitere Ausreisewelle betraf insbesondere Mennoniten aus Westpreußen und Danzig. Diese wurden nun nicht mehr ins Wolgagebiet gelenkt, sondern nach Chortiza an den Dnepr. Ihre Hauptmotivation war die zugesagte religiöse Betätigungsfreiheit, welche in Russland auch umgesetzt werden konnte.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nahm auch außerhalb dieser zentralen Siedlungsgebiete die Zahl der Deutschen in Russland weiter zu. So wanderten beispielsweise in Folge des polnischen Aufstandes von 1830/31 in Mittelpolen ansässige Deutsche nach Wolhynien aus. Abgesehen vom baltischen Raum, der als einheitliches Siedlungsgebiet mit deutscher Bevölkerung an Russland kam, entstanden so im 18./19. Jahrhundert drei deutsche Ballungsräume im Russischen Reich: Die städtische Bevölkerung in St. Petersburg, Moskau, Saratow und Odessa, die Siedlungen der Mutterkolonien und ersten Filialen im Gouvernement Petersburg, an der Wolga, in der Ukraine (Schwarzmeergebiet und Wolhynien), im Kaukasus, auf der Krim und in Bessarabien sowie die durch Binnenwanderung entstandenen Siedlungen der Tochterkolonien im Ural in Sibirien und in Mittelasien.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich jedoch eine wachsende Abneigung gegen die Deutschen. Man neidete ihnen ihre Privilegien, den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg und empfand sie im Jahrhundert des aufkommenden Nationalismus als nationalen Fremdkörper, der eventuell irgendwann einmal gefährlich werden könnte. Die bei der Ansiedlung "auf ewige Zeiten" gewährten Sonderrechte wurden so ab 1871 eingeschränkt und kurze Zeit später sogar abgeschafft.

Weitere Russifizierungsmaßnahmen in den 1870er Jahren führten dazu, dass bis 1912 etwa 300.000 Russlanddeutsche nach Nord- und Südamerika auswanderten. Die Mennoniten waren von einer Ausweitung des Militärdienstes betroffen, der einen ihrer wichtigsten Glaubensgrundsätze, die Verweigerung des Waffendienstes, berührte und infolgedessen ganze Dörfer auswanderten. Das Bevölkerungswachstum der gesamten deutschen Volksgruppe in Russland wurde indes trotz der Repressalien nicht nachhaltig beeinflusst, da aufgrund einer hohen Geburtenrate die Zahl der Russlanddeutschen bis 1914 auf 2,4 Millionen angewachsen war. Sie bildeten damit innerhalb des Russischen Reiches die vierzehntgrößte Volksgruppe.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die Russlanddeutschen zu Staatsfeinden erklärt. Der russische Ministerpräsident Ivan Goremykin führte aus: "Wir führen Krieg nicht nur gegen das Deutsche Reich, sondern gegen das Deutschtum überhaupt." Er traf damit vielerorts den antideutschen Ton der russischen Bevölkerung. Die Maßnahmen gegen die Russlanddeutschen waren dementsprechend drastisch. Die deutsche Sprache wurde in Schulen, Behörden und öffentlichen Vorgängen verboten und es galt als verpönt, öffentlich deutsch zu sprechen. Darüber hinaus verordnete die Krone die Zwangsversteigerung des Grundbesitzes fremdstämmiger Kolonisten und drückte als häufig einziger Aufkäufer die Preise nach Belieben herunter. 1915 gab es ein Pogrom gegen Deutschstämmige in Moskau, woraufhin erste Vertreibungsmaßnahmen gegen die Wolhyniendeutschen nach Sibirien folgten. Erst die bürgerliche Republik stoppte die Verfolgung der Deutschen und die Oktoberrevolution verschaffte ihnen sogar nie zuvor gekannte politische Privilegien. Am 19. Oktober 1918 schuf Lenin die "Arbeitskommune der Wolgadeutschen", nachdem bereits EndeMai 1918 ein "Kommissariat für deutsche Angelegenheiten des Wolgagebietes" unter der Leitungvon Ernst Reuter, dem späteren Regierenden Bürgermeister von Berlin, gegründet worden war. Als Arbeitskommune erhielten die Wolgadeutschen ihre lokale Selbstverwaltung und weitestgehende Befugnisse im Auf- und Ausbau des Schulwesens zurück. Doch wegen des Bürgerkrieges wurden auch die deutschen Siedlungsgebiete schwer von den Kriegsfolgen getroffen. Insgesamt starben120.000 Russlanddeutsche an Dürre und Hunger.

Der politische Autonomieprozess fand am 6. Januar 1924 einen neuen Höhepunkt, als das Wolgagebiet in eine Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) mit 27.000 qkm Fläche umgewandelt wurde, in der die Deutschen zwei Drittel der Bevölkerung stellten. Deutsch wurde in den 14 Rayons der ASSR neben russisch und ukrainisch zur offiziellen Amtssprache. Zwei Jahre später, am 31. Januar 1926, verabschiedete der wolgadeutsche Sowjetkongress eine eigene Verfassung. Die Wolgadeutschen hatten nach Jahrzehnten der Repressionen einen entscheidenden Schritt zur Selbstverwaltung und somit zur außerordentlichen Stärkung der Volksgruppe an sich getan.

Die unter Zwang durchgeführte Kollektivierung der Landwirtschaft und die darauf folgenden immensen Hungerkatastrophen brachten allerdings auch für die russlanddeutsche Volksgruppe eine hohe Todesrate. Unter den vielen Millionen Opfern befanden sich auch etwa 350.000 Russlanddeutsche. Ab 1933 nahmen die Zwangsmaßnahmen gegen die Volksgruppe stetig zu. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurden die Russlanddeutschen von der Sowjetregierung heimlich in Listen erfasst und es entwickelte sich gegen sie eine generelle Skepsis. Zahlreiche Landsleute wurden als angebliche Spione oder Sowjetfeinde verhaftet und in Zwangslager gesteckt. Die Situation entspannte sich nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes 1939 nur vorläufig. Die Wolgadeutsche Republik erlebte eine erneute letzte wirtschaftliche Blüte.

Der Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 bedeutete den Wendepunkt russlanddeutscher Geschichte. In der Ukraine wurden die dort lebenden Deutschen teils nach Sibirien vertrieben, teils von der deutschen Wehrmacht eingezogen und in den Warthegau umgesiedelt. Die übrigen Russlanddeutschen wurden nach einem Erlass vom 28. August 1941 durch den Obersten Sowjet aus den Heimatrayons nach Sibirien, nach Kasachstan und in andere ostrussische Gebiete vertrieben. In diesem Erlass hieß es unter anderem: "Laut genauen Angaben, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter der in den Wolgarayons wohnenden deutschen Bevölkerung Tausende und Abertausende Diversanten und Spione, die nach dem aus Deutschland gegebenen Signal Explosionen in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons hervorrufen sollen." Die Deutschen wurden der Sonderverwaltung (Kommandantur) unterstellt und damit praktisch zu rechtlosen Arbeitssklaven, die dann im Herbst 1941 zusammen mit deutschen Kriegsgefangenen in die sogenannte Trudarmee gesteckt wurden. Auch nach Kriegsende blieb dieser Zustand aufrecht erhalten.

1948 verkündete der Oberste Sowjet, dass die Verbannung "auf ewig" gelten solle. Obwohl die Russlanddeutschen am 29. August 1964 durch ein Dekret des Obersten Sowjets formal rehabilitiert wurden, blieb eine tiefe Identitätskrise in der Volksgruppe bestehen. Die Konsequenz dieser Sinnkrise war zum einen der vergebliche Kampf um eine Rückkehr in die angestammten Siedlungsgebiete. Zum anderen ergab sich aus dieser Tatsache der breite Wunsch, in die Heimat der Vorväter, nach Deutschland, zurückzukehren. Die 1989 gegründete russlanddeutsche Gesellschaft "Wiedergeburt" konnte den Massenexodus seit den achtziger Jahren und insbesondere nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht mehr verhindern. Heute leben nicht mehr als 500.000 Russlanddeutsche in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, welche kaum mehr deutsch sprechen. Die meisten Angehörigen der Volksgruppe leben heute in der Bundesrepublik Deutschland.