Logo: Der Landesbeirat für Vertriebenen-, Flüchtlings-, und Spätaussiedlerfragen

Schwierige Rückkehr der Aussiedler (1988 - 2005)

 

Während der großen Vertreibungsaktionen in Osteuropa Ende der 1940er Jahre wurde ein allerdings insgesamt relativ kleiner Teil der bisherigen deutschen Bevölkerung aus unterschiedlichen Gründen von den verantwortlichen Regierungen an der Ausreise gehindert. Diese Maßnahmen hatten zur Folge, dass einige hunderttausend Deutsche in den betroffenen Gebieten verblieben, die in der Folgezeit vielfach rechtlich benachteiligt wurden, bis hin zum Verbot der Benutzung der eigenen Muttersprache und der Pflege der kulturellen Eigenart. Dies bewirkte bei vielen Angehörigen dieser deutschen Minderheiten den Wunsch nach einer Ausreise in die Bundesrepublik. In den fünfzigerJahren verhandelten Bundesregierung und das Deutsche Rote Kreuz mit den Regierungen der sogenannten Ostblockstaaten und erreichten, dass ab 1956 der Eiserne Vorhang für diese Deutschen durchlässiger wurde. Diese Gruppe, deren Status als Deutsche durch den Artikel 116 des Grundgesetzes geschützt war, wurde als Aussiedler bezeichnet.

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949, Art. 116

(1) Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.

(2) Frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge sind auf Antrag wieder einzubürgern. Sie gelten als nicht ausgebürgert, sofern sie nach dem 8. Mai 1945 ihren Wohnsitz inDeutschland genommen haben und nicht einen entgegengesetzten Willen zum Ausdruck gebracht haben.

Von den Vertriebenen und DDR-Flüchtlingen unterschieden sich die Aussiedler in mancherlei Hinsicht. Ursache ihrer spezifischen Probleme war die Zwangsassimilierung der deutschen Minderheiten in Ost- und Ostmitteleuropa. Diese bewirkte, dass insbesondere viele jugendliche Aussiedler der deutschen Sprache bald nicht mehr mächtig waren und oftmals auch die Namen der Betroffenen "entdeutscht" waren. Von der ersten Aussiedlung an trafen Neuankömmlinge mit oftmals slawisch klingelnden Namen und mangelnden Deutschkenntnissen auf die Skepsis und Ablehnung einer westdeutschen Gesellschaft, deren Abneigung gegen die östlichen europäischen Staaten – allen voran gegen die Sowjetunion – als Spätfolge des Weltkrieges und als Begleiterscheinung des Kalten Krieges tief saß.

Vor der Wende 1989/90

Entsprechend seinem Selbstverständnis, sich um alle deutschen Flüchtlinge zu kümmern, nahm sich der Landesbeirat auch der Aussiedler an. Vielfach überschnitten sich – allen Besonderheiten zum Trotz – deren Bedürfnisse mit denen der Vertriebenen und der DDR-Flüchtlinge, etwa wenn es um Wohnungsprobleme oder den Lastenausgleich ging. Daher war es zunächst der Sozial- bzw. der Sozial- und Wohnungsbauausschuss, der sich der Aussiedler besonders annahm. Je mehr die Integration der Altvertriebenen voranschritt, desto mehr verschoben sich die Gewichte der Beiratsarbeit aufgrund des Eintreffens immer neuer Aussiedler auf diese Gruppe. In den frühen achtziger Jahren war das Thema bereits ein Schwerpunkt der Beiratsarbeit, auch wenn die gesamtdeutsche Kulturarbeit noch im Vordergrund stand. In der Amtsperiode von 1985 bis 1991 rückte die Aussiedlerthematik dann in eine mindestens gleichrangige Stellung. In der ersten Sitzung des neuen Beirates von 1985 beschloss man eine weitere Reform des Ausschusswesens. Von nun an sollte es neben dem Geschäftsführenden Ausschuss nur noch drei Ausschüsse geben. Beibehalten wurden der Landwirtschaftssausschuss – diesem Dauerthema widmete sich in führender Funktion Horst Hoferichter – und der Kulturausschuss unter Friedrich-Carl Schultze-Rhonhof. Die Ausschüsse, die sich der wirtschaftlichen und sozialen Hilfestellung widmeten, wurden ein weiteres Mal zusammengefasst. Neuankömmlinge im Westen und deren Probleme sollten nun umfassend vom neuen Eingliederungsausschuss betreut werden, dessen Vorsitzender Walter Haack wurde. Dank der gelungenen Integration der Altvertriebenen bildeten insbesondere die Flüchtlinge aus der DDR und die Aussiedler aus Osteuropa die Klientel des Eingliederungsausschusses. Zunächst lag der Schwerpunkt der Arbeit in der Sprachförderung, welche nicht nur der nordrhein-westfälische Sozialminister Hermann Heinemann (SPD) für unzureichend hielt:

Wir halten die sprachliche und berufliche Förderung der Aussiedler […] für im hohen Maße unzureichend. Wir fordern seit langem vor allem vernünftige Förderungszeiträume, die heute viel zu kurz bemessen sind.

Steigende Aussiedlerzahlen

Auch der Landesbeirat forderte die Verlängerung der Sprachkurse für Aussiedler von acht Monaten auf mindestens zehn, Heinemann nannte als Ziel sogar zwölf Monate. Doch es blieb nicht beim Sprachproblem: Als die politische Wende in Osteuropa am Ende der achtziger Jahre auch die Ausreisebestimmungen erfasste, kam es zu einem dramatischen Anstieg der Aussiedler- und Übersiedlerzahlen. Nachdem 1987 noch 26.002 Aussiedler nach Nordrhein-Westfalen gekommen waren – was bereits eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr bedeutete – kam es ab 1988 zu einem regelrechten Ansturm der Aussiedler. 84.371 Aussiedlern von 1988 folgten ein Jahr später gar 128.968 Aussiedler. Durch den Zerfall des SED-Regimes in der DDR gesellten sich 1989 weitere 63.709 (im Vergleich zu 6.982 im Vorjahr) Umsiedler hinzu. Damit siedelten 1989 insgesamt fast 200.000 Menschen nach Nordrhein-Westfalen über, was eine Steigerung von über 100 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutete.

Dieser dramatische Anstieg der Aussiedler- und Übersiedlerzahlen führte dazu, dass die Probleme der Aufnahme und Unterbringung in den Mittelpunkt der Beiratsarbeit rückten. Bereits ab Ende1987 waren die Grenzdurchgangslager überlastet und sahen sich nicht mehr zur Aufnahme und Registrierung der in den Westen strömenden Menschen in der Lage. Als Reaktion darauf vereinbarten die Länder, diese Aufgabe direkt den Gemeinden zu übertragen, doch auch die Kommunen waren damit oftmals überfordert, weswegen es zu erheblichen Verzögerungen kam. Wichtige Eingliederungshilfen, wie beispielsweise die Sprachkurse, verzögerten sich entsprechend, was der Integration der Neuankömmlinge nachhaltig schadete. Der Landesbeirat setze sich deshalb dafür ein, dieses Verfahren wieder zu zentralisieren, und schlug die Landesstelle Unna-Massen für ein landeseinheitliches Feststellungsverfahren vor. Dieser Vorschlag stieß bei Minister Heinemann, der in dieser Angelegenheit weiterhin die Kommunen in der Pflicht sah, zunächst ebenso auf Ablehnung, wie eine andere Frage: Die Vollversammlung des Landesbeirates von 1989 hatte beschlossen, dass Kommunen auch Aussiedler ohne Registrierschein vorläufig unterbringen sollten. Oftmals handelte es sich dabei durchaus um berechtigte Antragssteller, die alleine wegen der Überbelastung der Behörden lange Zeit nicht als Aussiedler anerkannt wurden. Mit dem Hinweis, dass das Landesaufnahmegesetz es ihm nicht ermögliche, den Kommunen eine derartige Anweisung zuerteilen, wies Heinemann diesen Antrag zurück. Positive Resonanz bekam der Beirat hingegen für seine Forderung nach einer Erweiterung der Wohnraumkapazitäten: Bereits im Frühjahr 1988 investierte das Land 2 Millionen DM für die Herrichtung von Übergangswohnheimen, im Herbst desselben Jahres folgte ein Sofortprogramm für insgesamt 9.000 neue Wohnungen. Ab 1990 wurde Unna-Massen dann doch zum zentralen Aufnahmeort für Aussiedler bestimmt.

Bereits 1988 wurde auf Bundesebene eine Instanz geschaffen, die sich um die zahlreichen Spätaussiedler aus Osteuropa kümmern sollte, der "Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen", kurz: "Bundesaussiedlerbeauftragter". Als Glücksfall für den Landesbeirat erwies sich die Besetzung dieses im Bundesinnenministerium angesiedelten Aufgabenbereiches mit dem nordrhein-westfälischen Bundestagsabgeordneten Horst Waffenschmidt (CDU). Mit dem Staatssekretär a.D. aus dem Oberbergischen Kreis pflegte der Beirat eine vertrauensvolle und intensive Zusammenarbeit, die dazu beitrug, dass es der Bundesrepublik gelang, die hohe Zahl der Spätaussiedler zu bewältigen und die Eingliederung der Deutschstämmigen aus dem Osten einzuleiten.

Nach der Wiedervereinigung

Die grundlegenden Umwälzungen in Deutschland und Osteuropa in den Jahren 1989/90 schufen auch für das Flüchtlings- und Kriegsfolgerecht, auf dem die Beiratsarbeit letztlich aufbaute, völlig neue Vorraussetzungen. Schnell setzte sich die Erkenntnis durch, dass hier eine Reform notwendig sei. Welcher Art diese jedoch sein sollte, darüber schieden sich die Geister im wiedervereinigten Deutschland. Während SPD und Grüne auf ein Kriegsfolgenabschlussgesetz abzielten, das die Deutschstämmigen aus Osteuropa letztlich mit Einwanderern gleichgesetzt hätte, trat die Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP für eine Beibehaltung der bisherigen Differenzierung ein. Hintergrund dieser Auseinandersetzung war der theoretische Gegensatz zwischen dem von der politischen Linken favorisierten Geburtenrecht bei der Staatsangehörigkeit und dem traditionellen deutschen Abstammungsrecht, an dem die bürgerlichen Parteien festhalten wollten. Die Befürworter einer Einschränkung des Abstammungsrechtes argumentierten, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Liberalisierung in Osteuropa einerseits keine Diskriminierungen für Deutschstämmige mehr zu erwarten seien, und dass anderseits der gewaltige Zustrom von Aussiedlern mit mangelnden Sprachkenntnissen und anderen Integrationshemmnissen nicht mehr zu bewältigen sei.

Der Landesbeirat befand sich in einer ähnlich ambivalenten Lage wie bei der Diskussion um die Neue Ostpolitik: Als beratendes Organ der SPD-geführten Landesregierung stand er inhaltlich eher der Opposition im Lande nahe. Das wurde insbesondere auf einer Arbeitstagung im November 1991 deutlich, bei der Mitglieder von Bundes- und Landesregierung ihre Positionen vortrugen. Helmut Harbich betonte in seiner Zusammenfassung der Tagungsergebnisse, dass es um Schicksale von Menschen, die viel erlitten hätten, deren Rechtsempfinden beschädigt worden sei, gehe. Er habe daher klare Aussagen darüber vermisst, dass die Kriegsfolgen heute noch bestehen. Es dürfe keine Entsolidarisierung und keine neuen Härten und Ungerechtigkeiten gegenüber den deutschen Kriegsopfern geben. Harbich plädierte daher im Namen des Landesbeirates für ein Kriegsfolgenbereinigungs- und gegen das von der Landesregierung angestrebte Kriegsfolgenabschlussgesetz.

Ergebnis der Auseinandersetzungen über das Kriegsfolgenrecht war ein Kompromiss zwischen der CDU-geführten Bundesregierung unter Helmut Kohl und der oppositionellen SPD. Das BVFG wurde im Rahmen eines Kriegsfolgenbereinigungsgesetzes geändert, wodurch der Status der Aussiedler als neben Flüchtlingen und Vertriebenen drittem Teil der Heimatvertriebenen zur Jahreswende 1992/93 auslief. Mit dem 1. Januar 1993 wurde stattdessen die Kategorie Spätaussiedler eingeführt, was eine Zwischenstufe auf dem Weg zur deutschen Staatsangehörigkeit intendierte. Spätaussiedler waren demnach zwar Deutsche gemäß Artikel 116 Grundgesetz, mussten aber die deutsche Staatsangehörigkeit erst noch erlangen, während Aussiedler diese noch automatisch innehatten. Zudem gab es weitere Einschränkungen: Der Zuzug von Spätaussiedlern wurde auf jährlich höchstens 220.000 begrenzt; Deutschstämmige außerhalb der ehemaligen Sowjetunion mussten individuell nachweisen, dass sie wegen ihres Deutschtums benachteiligt worden seien, um als Spätaussiedler aufgenommen zu werden. Für die Russlanddeutschen allerdings blieb die Tür sehr weit geöffnet: Abkömmlinge, Ehegatten und sonstige Familienangehörige durften nicht nur mit einreisen, man forderte von ihnen auch keine Sprachtests, während diese den eigentlichen Spätaussiedlern als Beleg ihres Bekenntnisses zum deutschen Volkstum abverlangt wurden. Als Folge dieser fragwürdigen Diskrepanz entstanden in vielen Städten "Parallelgesellschaften" mit russisch sprechenden Familien. Diese undurchdachte Regelung, die bis zum Zuwanderungsgesetz von 2005 galt, verstärkte die oben skizzierten Akzeptanzprobleme der Spätaussiedler und ihr Erscheinungsbild in der Bevölkerung als "Russen".

Nicht allein die Kriegsfolgengesetzgebung stand in diesen Jahren in der Kritik des Landesbeirates. Ähnlich wie nach dem Abschluss der Verträge mit der Sowjetunion und Polen im Rahmen der Neuen Ostpolitik taten sich viele Vertriebene schwer damit, den Zwei-Plus-Vier-Vertrag und den deutsch-polnischen Grenzvertrag (beide 1990) inhaltlich voll und ganz zu akzeptieren. Diese beinhalteten die völkerrechtlich endgültige Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze entlang von Oder und Lausitzer Neiße und beendeten die formale Offenheit der Grenzfrage, die noch die Ostverträge vom Beginn der 1970er Jahre zugelassen hatten.

Es folgten in der Kulturarbeit, die nun zwangsläufig den Kern der Vertriebenenpolitik darstellte, nach einzelnen Erfolgen immer wieder Rückschläge. Beispielsweise wurde ein Lehrstuhl zur Geschichte der Deutschen im östlichen Europa an der Universität Düsseldorf eingerichtet, im Laufe der Zeit aber die Forschungsstelle Ostmitteleuropa in Dortmund immer weiter abgebaut und schließlich sogar abgeschafft. Die von der Landesregierung angestrebte grenzüberschreitende Kulturarbeit, die den demokratischen Reformen in Osteuropa Rechnung tragen sollte, wurde zwar auch vom Beirat begrüßt. Mit Sorge beobachtete man allerdings die Tendenz, dass dieser neue Ansatz auf Kosten der Inlandsförderung ging. Zum einen wurden die für die Inlandsförderung zur Verfügung stehenden Mittel nach Paragraph 96 BVFG kontinuierlich abgebaut, zum anderen traditionelle Vertriebenen-Kultur-projekte wie der Schülerwettbewerb gemäß der neuen Leitlinie unter dem Konzept "Begegnung mitOsteuropa" umdefiniert. Das Landesaufnahmegesetz wurde Ende 1994 in der Weise geändert, dasses gegen den Willen des Landesbeirates keine kommunalen Beiräte mehr vorschrieb und es denBezirksregierungen freistellte, ob sie weiterhin Beiräte bilden wollten.

Mit der Neubildung zur Legislaturperiode 1995–2000 begann somit für den Landesbeirat eine neue Ära ohne flächendeckende regionale Verankerung, ohne den nicht mehr fortgeführten Landwirtschaftsausschuss und bald auch ohne Walter Nowoczin: Aus gesundheitlichen Gründen trat der Hagener nach langjährigem Wirken in verschiedenen Beiratsfunktionen bei der Vollversammlungam 21. Mai 1997 vom Amt des Vorsitzenden zurück. Den Vorsitz des Landesbeirates übernahm daraufhin Dieter Lohmeyer aus Bochum. Mit dem seit 1995 im Landesbeirat tätigen Pfarrer wurden die Weichen endgültig neu gestellt, denn Lohmeyer personifizierte die Umorientierung, die sich bereits in den Jahren seit der Wende abgezeichnet und seither verstärkt hatte, kam er doch nicht aus der klassischen Vertriebenenarbeit, sondern war von 1980 bis 1995 Geschäftsführer der Evangelischen Stiftung Ludwig-Steil-Hof in Espelkamp gewesen. Es war maßgeblich seinem dortigen Engagementzu verdanken, dass der Ludwig-Steil-Hof zu einem Zentrum der Integration wurde, das jugendlichen Spätaussiedlern mit Hilfe von Sprachunterricht und Berufsbildungsangeboten eine Eingliederung in die deutsche Gesellschaft ermöglichte. Als Vorsitzender konzentrierte Lohmeyer dementsprechend die Beiratsarbeit mehr denn je auf die Integration von Spätaussiedlern. Die Spätaussiedler stellten spätestens jetzt die zentrale Herausforderung der Integrationsarbeit Deutschstämmiger aus demOsten dar. Bereits die Arbeitsschwerpunkte der späten neunziger Jahre verdeutlichen dies. So waren beispielsweise fünf von den sieben Schwerpunkten des Jahres 1998 reine Spätaussiedlerthemen, von der Aufnahme und Anerkennung über die Unterbringung und wohnungsmäßige Versorgung bis hin zur sprachlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Integration. Lohmeyer schuf mit dieser Neuausrichtung die Basis für die Beiratsarbeit der kommenden Jahre und machte das Gremium zukunftsfähig. Sein besonderes Augenmerk lag auf der regionalen Verankerung der Beiratsarbeit. Für seine Amtszeit typisch wurden die Regionalkonferenzen des Beirates, mit denen er im Integrationsbereich Tätige und Spätaussiedler in den Kommunen des Landes stärker vernetzen wollte.

Der Regierungswechsel im Bund 1998 brachte auch für den Landesbeirat eine Veränderung. Nach zehn Jahren trat Horst Waffenschmidt (CDU) als Bundesaussiedlerbeauftragter ab. Auch sein sozialdemokratischer Nachfolger Jochen Welt kam aus Nordrhein-Westfalen. Mit dem Essener wurde die bewährte Kooperation der Ära Waffenschmidt fortgeführt. Als Jochen Welt sich 2004 aus dem Bundestag zurückzog, folgte mit Hans-Peter Kemper (SPD) aus dem Münsterland ein weiterer nordrhein-westfälischer Politiker.

Auch die Kulturarbeit des Beirates galt verstärkt den Aussiedlern. Themen waren hier etwa eine "Konzeption der kulturellen Integration der Spätaussiedler" oder "Förderung der russlanddeutschen Kulturarbeit". Besonderes Augenmerk bei der Integration galt der Eingliederung junger Spätaussiedler – neben diversen Fachtagungen und Sitzungen des Eingliederungsausschusses wurde das Gespräch nicht nur mit der für den Beirat zuständigen Arbeitsministerin Ilse Brusis, sondern vermehrt auch mit Schulministerin Gabriele Behler (beide SPD) gesucht. Mit den zuständigen Ressorts suchte man die beruflichen Perspektiven für russlanddeutsche Jugendliche zu verbessern.

In der Legislaturperiode zwischen 2000 und 2005 wurde der in den 1990er Jahren eingeschlagene Weg der Beiratsarbeit fortgeführt. Vorsitzender Dieter Lohmeyer, Stellvertreter Helmut Harbich und Schriftführer Hans-Günther Parplies wurden in ihren Ämtern mit jeweils überwältigenden Mehrheiten bestätigt. Hatte es zuletzt mit dem Eingliederungsausschuss und dem Kultur- und Jugendausschuss noch zwei der zwischenzeitlich bis zu zehn Ausschüsse des Landesbeirates gegeben, entschied man sich nun auf Initiative Lohmeyers dazu, die Beiratsarbeit ohne Ausschusswesen fortzuführen. Stattdessen sollte es Arbeitsgruppen geben, die kurzfristig, zeitlich begrenzt und mit einem ganz bestimmten Auftrag gebildet werden konnten. Dem Vorstand sollten fortan anstatt der beiden Ausschussvorsitzenden zwei Beisitzer aus den Bereichen Integration (Dr. Elvira Spötter) und Kultur (Irina Brinkmann) angehören.

Inhaltlich blieben "Begegnung mit Osteuropa" und "Integration von Spätaussiedlern" die Schwerpunkte der Beiratsarbeit. Die als probates Mittel zur Erörterung der Spätaussiedlerthematik bewährten Fachtagungen wurden fortgeführt und ausgebaut. Thematisch ging man dabei mit der Frage "Integration von Aussiedlern und Zuwanderern durch bürgerschaftliches Engagement. Was bringt’s?" über die bisher im Vordergrund stehende sprachliche oder berufliche Eingliederung hinaus. Bezüglich des Veranstaltungsortes wurde zwischen den Regierungsbezirken rotiert, um das Thema möglichst flächendeckend im Land zu präsentieren. So fand die erste Tagung zum bürgerschaftlichen Engagement mit Staatssekretärin Cornelia Prüfer-Stocks am 11. Oktober 2003 in Düren (Regierungsbezirk Köln) statt, es folgte am 30. April 2004 eine derartige Veranstaltung in Warendorf (Regierungsbezirk Münster), auf der Sozialministerin Birgit Fischer (SPD) zum Thema sprach. Einen besonderen Höhepunkt der Tagungsreihe stellte die Mindener Tagung (Regierungsbezirk Detmold) am 19. November 2004 dar. Das geschäftsführende Mitglied für Integration der Industrie- und Handelskammer Nordrhein-Westfalen, Hans Georg Crone-Erdmann, referierte auf dieser Tagung über "Integration durch Qualifikation" und unterstrich, dass die Industrie sehr an aktiven Aussiedlern interessiert sei. Eine andere Möglichkeit zum gesellschaftlichen Engagement skizzierten die Spätaussiedler selbst, indem sie auf selbiger Tagung einen Brief ("Mindener Erklärung") an Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) formulierten, in dem sie Unterstützung und aktive Mitarbeit zum Gelingen des Zusammenwachsens der Europäischen Union nach der Osterweiterung anboten. Als messbaren Erfolg der Förderung gesellschaftlichen Engagements ihrer Klientel konnte der Beiratsvorsitzende 2005 bekannt geben, dass sich 57 Aussiedler und Spätaussiedler zur Wahl der kommunalen Integrationsräte bzw. Ausländerbeiräte gestellt hatten, von denen knapp die Hälfte gewählt wurde: 27 nordrhein-westfälische Kommunen hatten somit 2005 einen Spätaussiedler als Mitglied in diesen Gremien.

Ausgehend von seiner aktiven Rolle bei der Integration von Russlanddeutschen brachte der Landesbeirat sich auch in die kontroverse Diskussion um ein sogenanntes Zuwanderungsgesetz ein. In den Arbeitsgruppen "Empfehlungen zum Handlungsbedarf bei der Integrationsinitiative" und "Ausgestaltung der Sprachförderung" arbeitete der Beirat Empfehlungen aus, die von der Landesregierung als Anträge in das Bundesratsverfahren zum Zuwanderungsgesetz eingebracht wurden. Ähnlich aktiv schaltete man sich in die Landespolitik ein, als es um grenzüberschreitende Kulturarbeit im Rahmen der EU-Osterweiterung ging. Die insbesondere von Herbert Hupka in die Vertriebenenarbeit eingebrachte Kooperation mit den polnischen Einwohnern in seiner Heimat – in Anerkennung seiner Bemühungen ernannte ihn das oberschlesische Ratibor (Racibórz), wo Hupka aufgewachsen war, zum Ehrenbürger – mündete nach anfänglichen Widerständen und Unklarheiten in einer Partnerschaft des Landes Nordrhein-Westfalen mit der Wojewodschaft Schlesien, die in etwa das historische Oberschlesien ohne das Oppelner Land umfasst. Auch hierzu gab es eine Tagung, auf der im November 2001 versucht wurde, ein gemeinsames kulturelles Erbe zu definieren. Als weitere Aktivitäten in der Legislaturperiode verwies Lohmeyer in seinem Rückblick 2005 auf die Feierstunde "50 Jahre BVFG" im März 2003, die Mitarbeit in Kampagnen, Bündnissen und Gremien sowie die regelmäßigen Rundschreiben, die nach dem zwischenzeitlichen Ende des Wegweisers ein neues Mitteilungsorgan des Landesbeirates darstellten.

In Folge des Regierungswechsels im Frühjahr 2005 neigte sich auch die Amtszeit Dieter Lohmeyers dem Ende zu. Der neue zuständige Minister Armin Laschet (CDU) zeichnete den Pfarrer i.R. im November 2005 mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland aus. Laschet dankte Lohmeyer für sein Wirken als Lobbyist einer guten Sache, Mentor und Motor für ein gelingendes Miteinander von Einheimischen und Zuwanderern. Der Landesbeirat stand vor einem weiteren Neuanfang.